FaceShields aus dem 3D-Drucker – ein Rückblick

Es ist der 23.03.2020.

Die Corona-Pandemie legt in Deutschland richtig los, der 1. Lockdown wurde einen Tag zuvor beschlossen und sollte bis in den Sommer andauern.
Die KiTa ist geschlossen, die Kinder bis auf weiteres zu Hause. Wir versuchen, dass ohne Einbeziehung der Großeltern zu meistern um diese zu schützen und es gelingt uns.
Meine Frau wird auf die Corona-Station versetzt. Ein sehr sehr mulmiges Gefühl begleitet uns jedes mal, wenn Sie zur Arbeit geht. Wir machen uns große Sorgen.

An diesem Abend sitze ich grübelnd vorm PC und scrolle durchs Internet und Twitter.
Vermehrt fallen mir die Hilfsgesuche von MFA, Ärzten und Praxismitarbeitern aus diversen medizinischen Bereichen auf. Persönliche Schutzausrüstung ist Mangelware und so gut wie nicht zu bekommen. Kopfschüttelnd lese ich die verzweifelten Schilderungen von Menschen, die sich und ihre Angestellten und Kollegen wenigstens mit dem Nötigsten versorgen und schützen wollen. Nichts ist zu bekommen. Wie kann das sein…im reichen Deutschland?

Weiter lese ich von einem tschechischen Unternehmer, der 3D-Drucker herstellt. Sein Name: Josef Prusa. Er und sein Team haben ein Visier (Faceshield) entwickelt, dessen Teile auf einem 3D-Drucker hergestellt werden können. Eine einfache Laminierfolie mit Hilfe eines Lochers ergibt das Visier. Kosten des gesamten Visiers: < 1€. Üblicher Markpreis: 15€, Tendenz steigend.
Wie ich später erfahren werde, beteiligen sich allein in Deutschland tausende Menschen an der Herstellung dieser Visiere und geben diese kostenfrei oder zum Selbstkostenpreis ab.
Die Visiere werden in erster Linie im medizinischen Bereich benutzt um sich und die Maske, welche unter dem Visier zu tragen ist, vor herumfliegenden Tröpfchen zu schützen.

Seit Sommer 2018 besitze auch ich einen 3D-Drucker. Ein einfaches und kostengünstiges Model welches aber recht zuverlässig arbeitet. Ein Kurs im lokalen Makerspace hat mir die nötigen Grundlagen vermittelt.

Ohne mir weitere Gedanken zu machen, poste ich unter einem Hilfegesuch den Link zum Modell des Visiers und biete meine Hilfe an, dieses herzustellen und gegen Rückerstattung der Portokosten zu versenden. Es vergehen lediglich Sekunden und mein Angebot wird dankend angenommen. Ich lade das 3D-Modell herunter, übertrage es auf den Drucker und starte diesen. Knappe 3h später ist das erste Gestell fertig. Ich werde 2x in dieser Nacht aufstehen um den Drucker erneut zu starten. Im Laufe des kommenden Tages ist die gewünschte Anzahl von 6 Stück fertig gestellt und mit Folien versehen. Am Abend des 24.03.2020 packe ich den ersten Karton.


Nebenher verbreitet sich mein spontanes Hilfsangebot über Twitter. Ich selbst schreibe vor allem Zahnarztpraxen in meiner Stadt per E-Mail an, schildere meine Möglichkeiten und biete meine Hilfe an.
Am selben Tag erreichen mich drei weitere Anfragen über insgesamt 17 Visiere.
Oh oh…17 x 3h…das dauert, vor allem wenn man nebenher noch arbeiten geht und sich um die Familie kümmert.
Allein wird das nichts. Ich frage zwei Bekannte ob sie bereit wären, mich zu unterstützen. Selbstlos und ohne Nachfragen sagen diese zu. Ein weiterer wird noch dazu stoßen.

Und so drucken wir von diesem Tage an nahezu 24h täglich die Gestelle für die Visiere, besorgen Folien, Kartons, verpacken und versenden. In den ersten Tagen stehe ich nachts mehrfach auf um den Drucker neuzustarten.
Pro Vorgang kann lediglich ein Gestell gedruckt werden.
Auf Dauer geht das arg an die Kräfte und Nerven. Die Kollegen im HomeOffice sind schneller und effizienter. Also konzentriere ich mich auf „Akquise“, „Marketing“ und „Logistik“ und drucke nebenher, was mein Drucker schafft. Besorge Folien und Gummis zum Halten der Visiere. Beides wird rasch zur Mangelware. Loche Folien, stelle Pakete zusammen, packe diese oft bis spät in den Abend um bloß am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit die Pakete abgeben zu können. Alles muss schnell gehen.

Wir vernetzen uns mit MakerVsVirus, ein riesen Schritt. Plötzlich sind wir einer von 100ten „Hubs“ in ganz Deutschland. Gegenseitige Hilfe wird hier groß geschrieben. Der gemeinschaftliche Gedanke schwebt über allem.
Genauso wie das Bestreben, schnell und unkompliziert denen zu helfen, die täglich an vorderster Front für uns, die Patienten und Menschen, da sind und für unsere medizinische Versorgung einstehen. Für die, die selbst am Limit sind, enorme Entbehrungen aufbringen und einem unberechenbaren Risiko ausgesetzt sind. Und dennoch weiter machen, um in dieser Ausnahmesituation ihr Möglichstes zu leisten und zu helfen.

Wir bilden uns weiter, wechseln die Modelle der Visiere, optimieren die Drucker. Von einst gut 3h pro Visier, drücken wir die Druckzeit auf ca. 45 min, teilweise knapp über 30 min.
Der Output steigt und irgendwie auch die Anfragen.
Von Ende März bis Ende Mai erreichen uns fast täglich neue Anfragen. Ein Artikel in der Lokalpresse befeuert das Ganze noch einmal merklich.
Wir haben teilweise einen Vorlauf von 2 Wochen.


Die Rückmeldung, die Freude und der herzliche ehrliche Dank, welcher uns umgekehrt erreicht, ist fast überwältigend. Persönliche Übergaben werden nicht selten zu emotionalen Achterbahnfahrten, für alle Beteiligten. Die Freude über unsere Hilfe ist groß, die Verzweiflung über nicht vorhandene Schutzausrüstung riesig.

Ab Sommer gehen die Anfragen deutlich zurück. Dafür vermehren sich Anfragen von Schulen, Kitas und sozialen Einrichtungen, die Stückzahlen steigen. Von sonst 10-30 Visieren bekommen wir nun Anfragen zwischen 40 – 120 Stück.
Aber auch das schaffen wir, beinahe mit links. Wir sind eingespielt, alles läuft Hand in Hand.

Zum Herbst hin ebbt alles ziemlich ab. Wir sind froh darüber und ausgelaugt. Können keine Visiere mehr sehen und wollen endlich auch mal wieder etwas für uns drucken.
Die Industrie ist endlich auf den Zug aufgesprungen und stellt die Visiere in Massen her, unsere Arbeit ist getan.
Unsere Familien sind froh, dass wir die Abende nicht mehr nur vorm Drucker, PC oder Paketen verbringen.

Die letzte von 166 Anfragen erledigen wir am 21.12.2020.
Mit dieser haben wir zu viert knapp über 2.000 Visiere hergestellt und kostenfrei abgegeben.
Wir haben dafür 40,7 kg oder 14,2 km Filament verdruckt.

Und damit hoffentlich ein klein wenig zur Bewältigung dieser Krise beigetragen.

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